Bereits vor einigen Wochen – vielleicht auch schon vor Monaten – habe ich kleine Holzplatten im örtlichen Ein-Euro-Handel erworben. Irgendwann rühre ich eine Spachtelmasse aus Marmormehr und Acrylbinder an und trage sie auf eine der Platten auf. Schon seit längerem will ich ausprobieren, wie ich Strukturen erzeugen kann und was ich damit machen kann. Eine unebene strukturierte Oberfläche mit vielen Rissen entsteht. In der Mitte eine Art Höhle. Und jetzt? Ich habe keine Ahnung. Die Holzplatte landez in der Versenkung.
Nach langer Zeit hole ich sie wieder heraus und betrachte sie. Ich sehe ein Gesicht!. Doch ich will kein Gesicht malen, sondern etwas Abstraktes.
Ich trage Farbe auf. Trage ein andere Farbe auf. Male kleine geometrische Formen in einen Bereich. Übermale es. Das gefällt mir nicht. Das ist Unsinn. Die Holzplatte landet in der Versenkung.
Nach weiteren Wochen fällt mein Blick erneut auf die Holzplatte. Ich bringe Dinge gerne zu Ende. Dieses Ding ist nicht misslungen, es ist nur noch nicht fertig.
Ich sehe ein Gesicht, aber ich will nichts Konkretes! Schon gar kein Gesicht. Ich bin meine Porträts gründlich leid. Ich versuche mich zu verabschieden von der Genauigkeit, dem Drang, es richtig zu machen. Ich möchte vager, ungenauer, undeutlicher, aber aussagekräftiger werden. Nur wie? Das Arbeiten auf Leinwand zwingt mich scheinbar dazu, möglichst fein, genau, detailgetreu zu sein.
Ich sehe ein Gesicht und wage einen Neuanfang. Es ist Oktober. Wenn ich ein Gesicht sehe, dann sehe ich eben ein Gesicht und dann soll hier wohl auch ein Gesicht entstehen.
Statt mich an Fotos von Menschen zu orientieren, lass ich mich von den vorhandenen Strukturen leiten. Was bereits vorhanden ist, hat Priorität. Risse im Gesicht können nicht übertüncht werden. Stukturen sind nicht unbedingt dort, wo sie hingehören. Genauigkeit lässt die Strukturmasse überhaupt nicht zu. Ein Gesicht mit Ecken und Kanten bildet sich heraus.
Ich nenne das Bild „Mathilda“ (Oktober 2025) und bin hingerissen von dem Ergebnis. Das erste Mal habe ich nicht sklavisch irgendetwas abgebildet.

In Windeseile rühre ich Marmormehl mit Acrylbinder an und spachtele die Masse auf zwei weitere Holzbretter. Am nächsten Tag nach gründlicher Trocknung geht es weiter. Diesmal erkenne ich ein Profil. „Patti“ (Oktober 2025) wird geboren. Ein Nasen- und Augenbrauenpiercing zwingt sich auf. Widerspenstige Haare müssen sein. Schon wieder sind sie rot.

„Aerial mit den feinen Antennen“ (Oktober 2025) verlangt etwas mehr Fantasie. Ihr Gesicht ist rissig und brüchig. Sie ist besonders empfindlich. Sie bekommt feine Antennen und braucht einen besonderen Namen.

Ich beschließe, weitere Holzbretter zu besorgen und zu präparieren. Ich mag diese Frauen mit Ecken und Kanten.
